Die ehemaligen Bundestagsabgeordneten Anette Groth hat in einem sorgsam zusammengestellten und eindringlichen Artikel in den Nachdenkseiten eine Bilanz gezogen: 1.000 Tage Völkermord in Gaza – UN-Bericht: Kinder werden gezielt getötet.
Auszüge:
„Wenn die Vereinten Nationen feststellen, dass eine Armee Kinder in einem industriellen Ausmaß tötet und verletzt, sie foltert und sexuell missbraucht sowie ihnen den Zugang zu Wasser und Medikamenten verweigert, hat der Rest der Welt eine klare Verpflichtung: Er muss dieser Armee den Zugang zu Waffen unterbinden und dafür sorgen, dass sie zur Rechenschaft gezogen wird.” Bill Van Esveld, Stellvertretender Direktor, Abteilung für Kinderrechte, Human Rights Watch, 26. Juni 2026
Dr. Eyad Amawi, Arzt aus Gaza und Mitglied bei den „Ärzten gegen Genozid“: „Sie (die Israelis – PC) zerstören alles. Sie zerstören die Infrastruktur. Sie haben unsere Umwelt in ein Gebiet voller Krankheiten und Infektionen verwandelt.” Dr. Amawi betonte, dass es kaum noch sauberes Trinkwasser gibt, weil viele Entsalzungsanlagen durch den Treibstoffmangel nicht funktionieren. Dadurch breiten sich Krankheiten in den völlig überfüllten Flüchtlingslagern aus, während die medizinische Versorgung zusammenbricht. Für ihn sind diese Zustände weder zufällig noch einfach die unvermeidlichen Folgen des Krieges, sondern „bewusste Bemühungen zur Zerstörung der palästinensischen Gesellschaft selbst“. „Was wir erleben, ist die systematische Zerstörung des sozialen Lebens und die gezielte Herbeiführung von Hungersnot.”
Anlässlich dieses „Jahrestages“ des andauernden Genozids hat das palästinensische Menschenrechtszentrum (PCHR) eine eindrucksvolle Beschreibung der letzten Jahre in Gaza veröffentlicht. PCHR erinnert an die Blockade Gazas, die die israelische Besatzungsarmee IOF (Israeli Occupation Forces, israelische Besatzungsarmee) 2007 verhängt hat, fast 20 Jahre, in denen nur sehr eingeschränkt bestimmte Waren nach Gaza hereinkommen und der Personenverkehr nahezu unmöglich ist.
Zwischen 2008 und 2021 überzog die IOF den Küstenstreifen mit vier großen Militäroffensiven, die Tausenden von Palästinensern das Leben kosteten, davon die überwältigende Mehrheit Zivilisten. Schon diese Kriege zerstörten Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, Kulturstätten, Wohngebäude, Industrie- und Landwirtschaftsanlagen, Straßen, Stromnetze, Sanitär- und Wasserinfrastruktur. Durch die rigorose Blockadepolitik dauerte der Wiederaufbau sehr lange, viele Schäden wie beispielsweise an Solaranlagen konnten aufgrund fehlender Materialien nie repariert werden….. „Die Zerstörung von Nahrungsmittelversorgungsanlagen, Wassernetzen und Sanitäranlagen, Betonfabriken und Wohnhäusern war das Ergebnis einer bewussten Politik der israelischen Streitkräfte.“
PCHR bezeichnet Gaza als „lebende Hölle“, in der etwa 23.000 Menschen pro Quadratkilometer dicht gedrängt miteinander leben, da die Bevölkerung von etwa 2,3 Millionen Palästinensern in ein schmales Grenzgebiet von nicht mehr als 100 Quadratkilometern zurückgedrängt wurde, das sind 30 Prozent des Gazastreifens. Die anderen 70 Prozent hat die IOF unter seine Kontrolle gebracht.
Bericht der Vereinten Nationen: „Israel begeht weiterhin Völkermord und andere Gräueltaten“
Ein erschreckendes Dokument ist der am 23. Juni 2026 vorgestellte Bericht der Vereinten Nationen mit dem Titel „Israel begeht weiterhin Völkermord und andere Gräueltaten“. [6]
Dieser Bericht der „Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete, einschließlich Ostjerusalem, und Israel“ betont, dass „die gezielte Bekämpfung von Kindern eines der Schlüsselelemente ist, die die Völkermordabsicht der israelischen Behörden und Streitkräfte belegen, die palästinensische Bevölkerungsgruppe im Gazastreifen ganz oder teilweise zu vernichten“.
Laut dem UN-Bericht wurden seit dem 7. Oktober 2023 über 1.655 Kinder im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, inhaftiert, davon 600 im Jahr 2025. Zum 31. Dezember 2025 befanden sich 51 Prozent der 351 palästinensischen inhaftierten Kinder in „Administrativhaft”, unter der Kinder wie Erwachsene ohne Anklage auf unbestimmte Zeit inhaftiert werden. Die übrigen 49 Prozent der inhaftierten Kinder befanden sich in Untersuchungshaft, „wurden gemäß dem Gesetz über unrechtmäßige Kämpfer festgehalten oder verbüßten eine Strafe nach einer Verurteilung“.
Seit dem 7. Oktober 2023 haben sich die Haftbedingungen erheblich verschlechtert. Der für Gefängnisse zuständige Minister, der wegen Rechtsextremismus verurteilte Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, hat die Wärter angewiesen, den Gefangenen wesentlich strengere Bedingungen aufzuerlegen.
„Nach Angaben des Palästinensischen Zentralamts für Statistik lebten im Jahr 2020 in Gaza 26.349 Kinder (im Alter von 0 bis 17 Jahren) als Waisen, nachdem sie einen oder beide Elternteile verloren hatten. Zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 7. Oktober 2025 verloren schätzungsweise 58.554 Kinder einen oder beide Elternteile, und zwischen 17.000 und 18.000 Kinder waren unbegleitet oder von ihren Eltern getrennt.“
Westjordanland
Auch im Westjordanland sterben jedes Jahr Dutzende Kinder durch die Kugeln israelischer Soldaten und Polizisten. 2025 waren es 58 getötete Minderjährige, mehr als ein Kind pro Woche – ein trauriger historischer Rekord, so die Reporter Philippe Levasseur und Claire Duhamel, die eine Reportage für den Fernsehsender Arte machten.
„Ich habe gesehen, wie Eltern ihre Kinder in eine Notaufnahme trugen, obwohl sie bereits wussten, dass es keine Hoffnung mehr gab. Ich habe gesehen, wie Geschwister Namen riefen, die niemals erhört werden würden. Ich habe in die Gesichter von Kindern geblickt, deren Leben endete, bevor sie die Chance hatten, groß zu werden. Kein politisches Ziel, keine militärische Strategie, kein Vorwurf, keine Nation, kein Führer kann das jemals rechtfertigen. Wenn das wiederholte Töten von Kindern nicht etwas Entschlossenes und Kompromissloses in uns weckt, dann sind nicht nur diese Kinder die größten Opfer. Es ist unsere eigene Menschlichkeit.” Dr. Mark Brauner, US-amerikanischer Notarzt, der im Nasser-Spital in Gaza auf medizinischer Hilfsmission war, 1. Juli 2026.
