Was in deutschen Medien kaum berichtet wird: Über 400 Aktivisten der Gaza-Flotille wurden von Israel in internationalen Gewässern festgenommen und viele schwer misshandelt. Der Aschaffenburger Künstler Engin Dogan ist einer von Ihnen und erzählt in einem Interview in den Nachdenkseiten (Interviewer: Martens/Wetzel) von seinem Leidensweg.
Auszüge:
Am besten, ich fange von vorne an: Als wir in Sizilien losgesegelt sind, haben die Israelis uns schon nach drei Tagen attackiert. Wir waren total vor den Kopf gestoßen, weil wir nicht damit gerechnet hatten, dass sie so weit hinausgehen würden. Das war ja in internationalen Gewässern.
Wie wurdet ihr angegriffen? Mit Drohnen?
Nein, mit Kriegsschiffen und Speedbooten, das volle Programm. Die Israelis haben Leute von einem Teil der Boote geholt, haben die Motoren kaputtgeschlagen und Segel zerschnitten. Bei einem Boot, das finde ich besonders krass, haben sie die Besatzung manövrierunfähig auf dem Meer zurückgelassen – obwohl ein Sturm aufzog. Ich habe Gott sei Dank zu den Glücklichen gehört, die im Morgengrauen bei einer griechischen Insel ankamen. Ein Boot unserer Flottille konnte die Leute von dem kaputten Boot retten. Über das, was die Israelis da gemacht haben, redet keiner, obwohl es versuchter Mord ist. Nach diesem Vorfall waren wir relativ lange auf Kreta, weil wir auf diejenigen gewartet haben, die auf einem Kriegsschiff gefangen waren und irgendwann nach Kreta gebracht wurden. Ein paar wurden dann gezwungen, nach Hause zu fliegen, ein paar haben es geschafft, haben sich nicht nötigen lassen und sind auf die Boote zurückgekehrt.
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Ihr wurdet also auf das Kriegsschiff gezwungen. Wie ging es dort weiter?
Dort war ein Tisch aufgebaut mit Soldaten, die total nett waren, einen anlächelten und fragten, ob es einem nicht gut geht und so weiter. Und währenddessen wird man von einem Soldaten am Genick heruntergedrückt, sodass man nur hochschauen kann. Die Show war maximal irritierend. Danach wurden wir in einen Container gebracht. Dort standen sechs Soldaten, die jedem der mehr als 400 Aktivisten erst einmal „voll eins auf die Fresse“ gegeben haben, auch mit Stiefeln. Es war wirklich egal ob Männlein, Weiblein, jung oder alt. Selbst eine der ältesten, eine über 70-Jährige, ist davon nicht verschont worden. Ich bin noch relativ gut durchgekommen, habe direkt meine Rippen und mein Gesicht geschützt und bin auf den Boden gefallen. Dann haben sie nur noch getreten. Dieser erste Container war der Horror. Die meisten Leute sind mit gebrochenen Rippen herausgekommen. Allein bei der Besatzung meines Bootes gab es 36 gebrochene Rippen. Auch Nasenbrüche gab es ohne Ende, Zähne fehlten, ein Finger war gebrochen, Hüften kaputtgetreten …
Habt ihr Medikamente erhalten?
Nein, gar nichts. Auf unseren Flotilla-Booten waren auch viele Ärzte, die versucht haben, zu helfen und eine „Krankenstation“ ohne nichts einzurichten. Wir haben auf jeden Fall ein Meeting abgehalten, uns in den Kreis gesetzt und gefordert, dass wir Schmerzmittel, Tampons, Wasser sowie Essen bekommen. Daraufhin haben sie das Deck geflutet. Das war wie eine hohe Welle, das Wasser bleibt dann auch. Nachts haben sie dafür gesorgt, dass die Container, in denen wir geschlafen haben, nass sind. Zum Beispiel haben sie mit Wasserpistolen in die Container gesprüht. Dabei hatten wir nichts Warmes an und keine Decken dabei. Einmal haben sie 20 trockene Decken heruntergeschmissen, also viel zu wenige für uns. Sie wollten wohl, dass wir streiten. Aber ihr Plan ist nicht aufgegangen.
Ist Ihnen auf dem Kriegsschiff auch in den Fuß geschossen worden?
Ja, nachdem sie das Deck geflutet haben. Das wollte ich nutzen, um mir die Füße zu waschen. Auf einmal haben sie ohne Vorwarnung auf mich geschossen. Es hat einen Schlag getan. Beim ersten Mal haben sie ein gelbes Säckchen mit kleinen Kügelchen auf mich geschossen [Anmerkung der Autoren: sog. Beanbag-Munition]. Ich bin erschrocken und es tat heftig weh. Eine Stunde später habe ich den anderen Aktivisten den Soldaten zeigen sollen, der auf mich geschossen hat. Es war „das Arschloch“. In dem Moment hat er wieder sein Gewehr gezückt und auf mich gezielt. Daraufhin habe ich einen Riesensatz gemacht und herumgefuchtelt, sodass er mich nicht erwischt hat.
Einmal pro Tag wurde uns gesagt, wir sollten aufräumen. Das sah so aus: Die Soldaten kamen aus dem Foltercontainer und haben sich wie eine Wand mit ihren Schutzschildern und Gewehren aufgestellt. Sie haben uns angeschrien und ohrenbetäubende Blendgranaten auf uns geworfen. Danach wurden je zwei nach vorne gerufen, haben eine Tüte bekommen und sollten Müll einsammeln. Allerdings gab es den kaum, weil wir alles recycelt haben. Ich habe mir aus Plastikflaschen zum Beispiel einen Schutz für meinen Fuß gebaut. Was am meisten zurückgegangen ist, war tatsächlich Brot, weil sich viele von uns im Hungerstreik befanden.
Bei einer solchen Aufräumaktion hat ebenjener Soldat, der wahrscheinlich ein Scharfschütze war, mir zum zweiten Mal in den Fuß geschossen – durch zwei Reihen von Menschen hindurch. Das hat richtig gescheppert. Er hat es geschafft, direkt neben die Ferse zu treffen. Und das war alles noch an Tag eins …
Und dann?
Von da an bin ich nur noch einbeinig gehüpft. Dadurch bin ich natürlich aufgefallen. Das heißt, wenn ich zu langsam war oder nebendran gehüpft bin – wir waren immer gefesselt und in Reih und Glied –, haben die israelischen Soldaten meinen Fuß getreten. Wenn ich in Zwangshaltung war und sie vorbeigelaufen sind, haben sie draufgetreten. Je mehr mein Problem mit der Zeit sichtbar wurde, desto mehr haben sie ihn getreten. Der Fuß ist ja wahnsinnig angeschwollen, der komplette Knochen ist zertrümmert. Sie sind immer auf die Schwächsten losgegangen. Nachts haben sie auch Leute herausgeholt, fertiggemacht und dann wieder in den Hof geschmissen.
Wie viele wart ihr, und wie viele Soldaten waren insgesamt aktiv?
Wir waren 428 Flotilla-Angehörige. Jeder von uns hatte ein Armband mit einer Nummer. Meine war die 136. Das hat so sehr an die NS-Zeit erinnert. Auf der anderen Seite sollen auf jedem der zwei Schiffe 300 Soldaten gewesen sein. Damit haben wir uns auch getröstet, dass sich unsere Aktion allein schon dafür gelohnt hat, weil Hunderte Soldaten mehrere Wochen lang keine Leute abschlachten konnten.
Gab es Unterschiede zwischen den zwei Kriegsschiffen, auf denen ihr aufgeteilt wart?
Es gab das Folterschiff, auf dem ich war. Aber auf dem anderen ist es auch eskaliert. Dort gab es wohl noch heftigere sexuelle Übergriffe. Frauen haben dort Einzelhaft gekriegt, ihnen wurde gesagt, dass sie vergewaltigt würden. Daraufhin saßen sie stundenlang alleine in einer Zelle und haben auf ihre Vergewaltigung gewartet.
Sind sie dann auch vergewaltigt worden?
Ja, auf jeden Fall mit Gegenständen. Männer übrigens auch.
Was kam nach den rund zwei Tagen auf dem Kriegsschiff?
Da kam das besagte Zelt an der Küste, in dem Polizeiminister Itamar Ben-Gvir sich mit uns gefilmt hat. Dort habe ich dann auch gesagt, dass sie mich ruhig schlagen sollen, aber dass es mit dem Hinknien einfach nicht mehr geht. Daraufhin bin ich in ein Krankenhaus gekommen. Das war viel angenehmer, operieren lassen habe ich mich aber nicht. Als ich zurückkam, waren riesige Räume aufgebaut mit internationalen Anwälten. Wir wurden dann von einem Israeli verhört, aber Anwälte saßen dabei. Sie haben probiert, uns ein Schreiben unterzujubeln, mit dem wir bestätigen sollten, illegal nach Israel eingereist zu sein. Unterschrieben hat das natürlich keiner von uns. Anschließend im Gefängnis haben sie Leute von uns nochmal geschlagen, damit wir das Dokument unterschreiben.
In welchem Gefängnis wart ihr?
Das weiß ich nicht sicher, aber dort wehte auf jeden Fall ein anderer Wind. Da arbeiten wirklich Psychopathen. Bei den Soldaten auf dem Kriegsschiff war es so, dass es „das Arschloch“ gab, das viele Leute abgeknallt haben muss. Neben ihm dann aber ein normaler 22-Jähriger, der seit einer Woche ein Gewehr in der Hand hält und von so jemandem lernt. Im Gefängnis hingegen merkte man, dass die Wächter hauptberuflich Palästinenser quälen.
Dort haben sie mir richtig krass auf den Fuß getreten, einfach aus Spaß an der Freude. Sie haben mich im Kreis hüpfen lassen, in der Zwangshaltung die ganze Zeit auf einem Bein, bis ich zusammengeklappt bin. Dann haben sie mich mit Elektroschocks bearbeitet und wieder hochgezogen und gesagt: „Hüpf wie ein Affe!“ Sie wollten mich irgendwie brechen. Das war der beschissenste Part der ganzen Entführung und Gefangenschaft.
Als ich in das Gefängnis gekommen bin, sollten wir uns ausziehen. Ich habe es irgendwie für eine schlaue Idee gehalten, mir fett mit einem Edding „Free Gaza“ auf den Brustkorb zu schreiben. Naja, das war … schwierig. Denn sie haben mir dann die Handschellen hinten festgemacht und die ganze Zeit auf den Brustkorb eingeschlagen und verlangt, dass ich sage: „I love Israel“. Gesagt habe ich es nicht, dafür dann aber drei Wochen lang schlecht Luft gekriegt. Ich sitze ja auch jetzt nicht im Rollstuhl wegen meines Beins, sondern wegen meiner Rippen. Wenn ich mit Krücken laufen würde, würde das meinen Brustkorb zu sehr belasten.
Womit haben sie Sie geschlagen?
Mit den Fäusten. Sie haben Handschuhe angezogen und dann ging es los. Links, rechts, links, rechts und immer wieder: „Say, I love Israel, say, I love Israel“. Die ersten zwei Mal habe ich noch „Free Gaza“ gesagt, dann nicht mehr. Ab da habe ich nur noch geschrien.
Würden Sie trotz allem wieder mitsegeln?
Auf jeden Fall. Ich würde auch jetzt wieder auf ein Schiff steigen, wenn ich nicht das Problem mit dem Fuß hätte. Es sind ja schon wieder Leute von uns unterwegs.
Wie kommt es, dass Sie eine solch starke Motivation verspüren und so viel in Kauf nehmen?
Naja, ich habe eine Tochter. Und als ich gesehen habe, was mit den Kindern in Gaza passiert, hat mich das noch mehr angespornt. Jetzt ist der neueste „Trend“ von israelischen Scharfschützen, schwangere Palästinenserinnen abzuknallen. Davon gibt es in Israel sogar T-Shirts. So etwas lässt mich nicht kalt, ich muss dann einfach etwas dagegen unternehmen.
Sie meinten ja schon, dass verschiedene Länder israelische Botschafter einberufen haben, nachdem das Video von Ben-Gvir bekannt wurde. Hat die Aktion darüber hinaus etwas gebracht?
Ja, es hat sehr vielen Menschen die Augen geöffnet. Die ganze Welt kennt nun die Flotilla-Bewegung. Weltweit sind so viele Tausende Menschen mehr plötzlich auf die Straße gegangen. Sogar meine Mutter ist jetzt Palästina-Aktivistin. Das muss man erst einmal hinkriegen (lacht).
Wir werden Soldaten oder Ben-Gvir verklagen, wobei der für uns ja sogar ein Beweisvideo gedreht hat.
Wo werdet ihr Klage einreichen?
Vor einem deutschen Gericht. Aber es wird auch eine internationale Klage von allen Aktivisten geben. Denn es sind ja eine Menge Punkte, die zusammenkommen…
Hattet ihr auch Kontakt zur deutschen Botschaft beziehungsweise habt ihr von dieser Unterstützung erhalten?
Das ist ein ganz schwieriges Thema. Meine Mutter hat einmal einen Anruf von einer künstlichen Intelligenz erhalten, dass ihr Sohn jetzt Israel verlassen habe. Das war quasi die einzige Antwort, die sie von der deutschen Botschaft erhalten hat. Ich habe jemanden von der Konsularabteilung erst ganz am Schluss am Flughafen in Israel getroffen. Kurz vor der Abreise aus Israel standen die ganzen Vertretungsleute nämlich am Flughafen und haben ihre Flaggen hochgehalten. Als mich dann endlich einer von der deutschen Botschaft gefragt hat, ob ich irgendetwas brauche, sind mir nur Schmerzmittel eingefallen. Naja, in der Türkei angekommen, war ich der Erste, der von einem Notarztwagen abgeholt und in ein Krankenhaus auf die Intensivstation gebracht worden ist.
Weil Sie am schlimmsten verletzt waren?
Das weiß ich nicht. Der Geräuschkulisse in dem „Krankencontainer“ auf dem Kriegsschiff zu urteilen nach zumindest nicht. Das war der Horror, wirklich. Wir lagen ja eng an eng, und sobald einer gezuckt hat, ging es los wie eine Kettenreaktion mit dem Gestöhne vor Schmerz. Also, mich hat man da nicht die ganze Nacht gehört. Nachdem mein Fuß etwas versorgt war und das Adrenalin von meinem Körper abgefallen ist, hatte ich plötzlich auch überall Schmerzen. Das kommt wohl daher, dass sich mein Gehirn zuvor nur auf den Fuß konzentriert hatte.
Wie lange waren Sie schließlich in dem türkischen Krankenhaus?
Fast eine Woche. Es war auch gut für meinen Kopf, nicht direkt wieder in Deutschland, beim besten Freund von Israel, zu sein. Und jedes Mal, wenn ich dort aufgewacht bin, standen neue Leute um mein Bett herum, und neben mir hat sich ein Berg an Geschenken angehäuft. Die Menschen dort waren so dankbar für das, was wir gemacht haben. Ganz anders, als wenn man nach so einem Scheiß in Deutschland ankommt.
Wie verhalten sich die Behörden in Deutschland, seitdem Sie wieder hier sind?
Die fangen jetzt schon wieder mit ihren Repressionen an. Meine Mutter hatte recht rasch eine Vorladung von der Polizei bekommen und ist quasi verhört worden. Ihr wurden dabei auch so schräge Fragen gestellt wie „Wieso denkt ihr Sohn, dass das in Gaza ein Genozid ist?“. Der gleiche Polizist, der sie verhört hat, ruft sie alle drei Tage an und will, dass ich auf das Revier komme und dort eine Anzeige mache. Meine Klage werde ich aber direkt bei einem Gericht einreichen.
Es gibt übrigens auch eine Staatsanwältin, die uns Palästina-Aktivisten hier in Aschaffenburg die ganze Zeit fertigmachen will. Ihr fallen immer neue Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten ein, gegen die wir verstoßen haben sollen.
Abgesehen von den Schikanen: Fällt es Ihnen schwer, wieder zurück zu sein?
Sagen wir es so: Ich bin fast jeden Tag auf einer Demo und spreche darüber, wie sehr ich mich für Deutschland und seine Politik schäme. Jetzt, wo ich auch gesehen habe, was für Leute diese Waffen in der Hand halten … Ich dachte immer, wenn ich sie mal gesehen habe, verstehe ich vielleicht mehr. Aber irgendwie verstehe ich die Welt jetzt noch weniger.
Was hat die israelische Gefangenschaft mit Ihnen persönlich gemacht?
Keine Ahnung. Ich weiß es gerade noch nicht. Ich fühle mich gar nicht so traumatisiert, wie alle denken. Wobei, wenn ich über all das jetzt rede, fällt mir das schon schwer. Ich frage mich die ganze Zeit, ob der große Zusammenbruch noch kommt. Allerdings bin ich auch stinksauer und doppelt so motiviert wie vorher. Meine Mutter schaut zweimal am Tag bei mir vorbei und hat mich am liebsten um sich. Das ist tatsächlich das schwierigste Thema gerade. Meine Mutter, die tut mir am meisten leid. Sie hat, glaube ich, krasser gelitten als ich. Ich habe wirklich ein unglaublich schlechtes Gewissen ihr gegenüber. Ich weiß gar nicht, wie ich ihr erklären soll, dass ich das nochmal machen werde. Und ich weiß auch nicht, wie sie das überlebt und ob ich ihr das überhaupt noch einmal antun kann. Vorher hatte ich mehr an mein Kind gedacht und gar nicht so sehr an meine Mutter.
Und wie geht es Ihrer Tochter mit der Situation?
Ich glaube, ganz gut, sie hat von mir aber auch nur die Kindervariante erzählt bekommen. Mittlerweile hat sie mehr erfahren, die Leute erzählen und nehmen manchmal keine Rücksicht. Sie hat auf jeden Fall eine Rede auf einer Demo gehalten und das Wort Völkermord verwendet – mit neun Jahren. Den Begriff hat sie nicht von mir. In der Schule hat sie ein Referat gehalten: „Mein Papa segelt nach Gaza“.
