„Forbidden Roads“ – Apartheid im Westjordanland

Nach einer mündlichen Erzählung aus Ramallah, gehört und bearbeitet von Bernd Fischer

Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich heute früh nicht weit, der Stau ist länger als gewohnt. Ja, auch Palästinenser fahren mit dem Auto zur Arbeit, landen im Stau und ärgern sich. Doch sie ärgern sich aus einem Grund, der für Euch in Deutschland unvorstellbar ist: Dieser Stau ist das Ergebnis der alltäglichen Apartheid im Westjordanland.

Ja, ganz genau, ich lebe in der Westbank, in der Gegend von Ramallah. Ich bin Zahnärztin, und wie die meisten Palästinenser muss ich mich bewegen, um zur Arbeit zu kommen. Doch Palästinenser können sich in ihrem Land nicht frei bewegen. Ihre Mobilität wird durch mehr als 1000 von der Armee bewachte Kontrollpunkte behindert oder ganz blockiert, je nach Lust und Laune der Armee, die an diesem Morgen dafür sorgt, dass der israelische Berufsverkehr nicht vom palästinensischen Berufsverkehr gestört wird. Für Fahrzeuge mit palästinensischen Kennzeichen sind die gut ausgebauten Siedlerstraßen gesperrt. Und wenn Palästinenser eine Straße mit ausschließlich israelischer Nutzung überqueren wollen, werden sie von israelischen Soldaten an einem Schlagbaum kontrolliert. Sie müssen warten. Autos mit israelischen Kennzeichen haben Vorfahrt. Warum? Weil sie in Israel zugelassen sind und in einem Land gefahren werden, das den Israelis nicht gehört. Anmaßung? Idiotie? Apartheid? Natürlich, was denn sonst? Aber nur ein kleiner Teil von alledem.

Die Zeit verrinnt, die altbekannte Wut steigt in mir auf, mein Magen rebelliert, doch irgendwann kommt Bewegung in die Sache, ich nähere mich dem Schlagbaum, und hier beginnt eine in der Westbank alltägliche Demonstration der Macht: Eine junge Soldatin, vielleicht 18 Jahre alt, zeigt mir, wo ich halten soll, um mir sogleich mit einer lässig-arroganten Handbewegung den Befehl zu geben, einen halben Meter zurückzusetzen. Kaum habe ich das getan, kommandiert sie mich genau dorthin zurück, wo ich zuerst gestanden habe. Ein absurdes Theater, das sie so lange wiederholt, bis sie mit sich zufrieden ist.

Ich kenne das schon. Und ich habe mich früher oft gefragt, was diese Leute dazu bringt, uns im Alltag zu schikanieren. Sind sie abhängig von dem Gefühl der Macht, um die simple Tatsache zu verdrängen, dass wir lange vor ihnen hier waren? Und dass wir mehr oder weniger ungestört über viele Jahrhunderte dieses Land bewohnt, bebaut und kultiviert haben? Ja, dieses Land ist unser Land, und das wissen sie. Und weil sie es wissen, müssen sie einen so gewaltigen ideologischen Aufwand betreiben, um ihren aus der Zeit gefallenen kolonialen Anspruch zu rechtfertigen. Ausgerechnet mit der Berufung auf einen Gott, der schon für alle Schandtaten dieser Welt missbraucht wurde und seit Jahrzehnten, Tag für Tag, von den Zionisten missbraucht wird. Sie wollen das Land von den Arabern befreien? Sie wollen es erlösen und ein neues Königreich errichten? Für einen Messias, der dann irgendwann erscheinen soll? Träumt weiter, denke ich, und richte mich ein auf eine lange Wartezeit.

Schon möglich, dass auch diese junge Frau, die Frau in Uniform und mit geschultertem Gewehr, auf den Messias hofft. Aber heute, an diesem heißen Vormittag auf einer Straße im Westjordanland, kümmert sich der von Gott gesandte Retter aller Juden einen Dreck um die Soldatin der „moralischsten Armee der Welt“, die hier stundenlang am Schlagbaum steht, um die unkontrollierbaren Araber zu kontrollieren. Ich bin für sie kein Mensch, nur ein feindliches Objekt, mit dem sie sich beschäftigen muss, anstatt gemütlich am Strand in Tel Aviv zu liegen und die Morgensonne zu genießen. 24 Monate in der Armee – ich möchte einen solchen Dienst nicht tun. Aber tut sie mir deswegen leid?

Auf ein Zeichen öffne ich das Fenster, und sie herrscht mich an: „Ausweis!“

Was dann mit mir geschieht, habe ich selber nicht vorausgesehen. Indem ich sie korrigiere, wie eine Mutter ihre Tochter korrigiert, sage ich: „Ihren Ausweis, bitte!“

Das ist zu viel für sie. Das hat ihr gerade noch gefehlt. Kein Messias weit und breit, dafür Dreck und Staub und Rebellion am frühen Morgen! Sie hält mir die Mündung ihrer Waffe ins Gesicht und schreit mich an, beschimpft mich als „dreckige Araberin“, reißt mir die Papiere aus der Hand und zwingt mich, den Wagen neben der Schranke zu parken und verbietet mir auszusteigen, um in den Schatten zu gehen. Kein Zweifel, sie will mich in der Sonne schmoren lassen, um mich zu bestrafen. Sie trägt die Uniform als Zeichen ihrer Macht, sie kann mich töten, wenn sie will. Sie müsste später nur erklären, sie habe sich bedroht gefühlt. Von mir und meiner Nagelschere, die griffbereit im Wagen liegt und gefährlich in der Sonne funkelt? Von der Aludose, die seit Tagen leer im Getränkehalter steckt, in Wahrheit aber nur als Bombe dienen soll? Keine Ahnung, was in den Köpfen dieser Leute vor sich geht. Ich weiß nur, was in der Westbank jeder weiß: Kein israelisches Militärgericht würde sie verurteilen, sollte sie mich erschießen.

Allerdings, mein Tod brächte ihr nur Scherereien, also Befragungen, Protokolle und die üblichen Proteste derer, die sie als antizionistische Verräter sieht: B`Tselem, Haaretz, Peace Now oder Yesh Din. Sie ist gewarnt und kennt das Risiko, das mit einer solchen Tat verbunden ist. Und weil sie heute Abend noch ins Kino gehen will, bleibe ich verschont.

So stelle ich mir das vor, während ich im Auto sitze und die Minuten zähle. Vor mir die Nagelschere, die mich auf den Gedanken bringt, endlich das zu tun, was ich seit Tagen tun will. Also stelle ich mit dem Motor auch die Klimaanlage an, lehne mich gemütlich zurück und bearbeite meine Fingernägel, lange und gründlich und mit steigendem Genuss, weil ich genau weiß, wer ein paar Meter hinter mir darauf wartet, von einer verzweifelten Terroristin um Gnade gebeten zu werden.

Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis der tapferen Soldatin klargeworden ist, dass die mir zugedachte Strafe ihre Wirkung verfehlt, zumal ich, um meine Stimmung zu heben und ihre zu verschlechtern, das Radio laufen lasse. Nicht zu laut, um sie nicht zu provozieren, aber laut genug, damit auch sie hört, was ich höre: Reem Kelani, die wunderbare Stimme Palästinas.

Fünf Minuten später habe ich meinen Ausweis in der Hand. Die Schranke öffnet sich, mir wird gesagt, ich solle mich „verpissen“, und grinsend gebe ich Gas.

Mehr zum Thema Forbidden Roads:

https://www.btselem.org/publications/summaries/200408_forbidden_roads (Stand 2004)

https://www.btselem.org/download/forbbiden_roads_map_eng.pdf (Stand 2004)

https://visualizingpalestine.org/visual/segregated-roads-west-bank/ (Stand 2012

Hintergrund Haaretz: Explaining the West Bank Map: What Are Areas A, B and C?
https://www.haaretz.com/haaretz-explains/2026-08-10/ty-article-magazine/.premium/explaining-the-west-bank-map-what-are-areas-a-b-and-c/0000019f-e55e-da6c-a9df-efdec6930000?utm_source=mailchimp&utm_medium=Content&utm_campaign=daily-brief&utm_content=5671e79e92

 

 

 

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