Mahnwache am 31. Januar 2026 – Redebeitrag von Johannes Waehneldt

Seit über 2 Jahren verfolge ich die Ereignisse in Westasien praktisch jeden Tag. Schon kurz nach dem 7. Oktober 2023 war erkennbar, was jetzt grausame Realität geworden ist, nämlich die Vertreibung und Vernichtung des palästinensischen Volkes. Bereits im Januar 2024 hat der Internationale Gerichtshof die Plausibilität eines Völkermordes anerkannt und wiederum der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle für Benjamin Netanjahu und weitere Personen ausgestellt.

Auch wenn wir hier von Völkermord und Kriegsverbrechen sprechen können, lassen wir die juristischen Aspekte einfach beiseite und sehen uns stattdessen an, was in den letzten beiden Jahren geschehen ist.

In Gaza sind 90% aller Gebäude zerstört. Zusammen mit der Infrastruktur, also Kraftwerke, Wasser- und Abwassersysteme, Elektrizität, Lebensmittelversorgung, landwirtschaftliche Flächen – letztlich alles, was ein Volk zum Leben und Überleben braucht.

In Gaza wurden alle 36 Krankenhäuser immer wieder bombardiert, Ärzte, medizinisches Personal und Hilfskräfte entführt, verletzt oder getötet. In den Kliniken haben IDF-Schergen medizinisches Gerät wiederholt gezielt unbrauchbar gemacht.

Schulen und Universitäten wurden bombardiert und teilweise vollständig zerstört. Bücher und andere Dokumente wurden verbrannt.

Nahezu alle Moscheen, Kirchen und andere religiöse Einrichtungen wurden angegriffen, geschändet oder zerstört. Das gleiche gilt für Friedhöfe und sogar für Massengräber. Gerade aktuell hat Israel auf der Suche nach der letzten toten Geisel 700 palästinensische Gräber geschändet.

Gezielt vernichtet wurden auch Gedenkstätten, Museen – kurz, alle Einrichtungen, die der Erinnerung der palästinensischen Geschichte dienen. Dokumente und kulturelle Schätze wurde geraubt oder vernichtet.

Die ständige und wiederholte Vertreibung der Bevölkerung von einem Ort zu einem anderen; der Verlust oder die Vernichtung aller Habseligkeiten haben zu der Entstehung von improvisierten Zeltstädten geführt, in denen die Menschen in unwürdige Lebensbedingungen gezwungen wurden. Zelte stehen unter Wasser, es gibt keinen Schutz, keine Kleidung; insbesondere Babys sterben fast täglich an Unterkühlung.

Damit die Welt über all das nichts erfährt, hat Israel bis heute über 250 Journalisten gezielt ermordet.

Dieses sind alles klare Kriterien für einen Völkermord. Israels Ziel war und ist es Gaza unbewohnbar zu machen und Bedingungen zu schaffen, unter denen das Überleben des palästinensischen Volkes verhindert werden soll. Das wird auch von israelischen Politikern offen geäußert.

Dieser israelische Staatsterror ignoriert alle Maßstäbe von Menschenrecht, Völkerrecht und sogar die der immer wieder Mantra-artig heruntergebeteten „regelbasierte Ordnung“.

Trotzdem habe ich noch Fragen, die darüber hinausgehen:

  • Wer tötet ein wehrloses 5-jähriges Mädchen mit 335 Kugeln?
  • Wer greift deutlich gekennzeichnete Ambulanzen an und ermordet das Rettungspersonal?
  • Wer hetzt einen Hund auf ein autistisches Kind und lässt es dann einsam verbluten?
  • Wer lockt tausende ausgehungerte Personen zu sogenannten „Verteilerstellen“ der Gaza Humanitarian Foundation und erschießt sie dann willkürlich?
  • Wer bombardiert Zelte, im denen Intensivpatienten liegen und verbrennt sie bei lebendigem Leibe?
  • Wer veranstaltet Schieß-Wettbewerbe, mit Kindern als Zielscheibe?
  • Wer verkleidet sich als medizinisches Personal und erschießt schwer verletzte Patienten?
  • Wer durchsucht einen LKW mit Hilfslieferungen und konfisziert gezielt alle Schmerz- und Betäubungsmittel – wohl wissend, dass deshalb Kindern Gliedmaßen ohne Betäubung amputiert werden?
  • Wer foltert und vergewaltigt Geiseln und lässt sie in Konzentrationslagern sterben?

Die Liste dieser Fragen ist endlos und lässt sich zu einer einzigen Frage zusammenfassen: Wie entsteht dieses monströse Ausmaß an Menschenverachtung, an Grausamkeit, an Sadismus und wie muss man es bewerten? Wo verläuft die Grenze zwischen der kaltblütigen Durchführung dieses Massenmordes mit industriellen Mitteln einerseits und andererseits des Durchbrechens von ungebremstem Hass?

Mit ethisch moralischen Wertungen tue ich mich persönlich sehr schwer. Trotzdem kann ich nicht anders, als von dem, was in Gaza geschehen ist, als „dem Bösen“ zu sprechen, genauso wie ich es mit dem Blick auf den Holocaust und die anderen Genozide der Vergangenheit tue.

Hier hat sich die ungezügelte Aggression einer gesellschaftlichen Einheit namens Israel verselbstständigt und droht, unsere zivilisatorischen Grundfesten einzureißen. Das wollen wir nicht und deshalb stehen wir hier!

Free Palestine!